Die Ohren fahren mit

On 2. April 2014 by Wolfram Hellmich

Autotestberichte sind traditionell durchzogen von Begriffen und Gefühlsbeschreibungen aus der Welt der Musik. Dies offenbart, dass die Faszination am Automobil noch viel mehr beinhaltet, als nur technische Daten wie Leistung, Beschleunigung, Höchstgeschwindigkeit und Straßenlage.

Die menschliche Eigenheit, auf Klangfolgen und Rhythmen mit Emotionen zu reagieren, findet offensichtlich reichlich Nahrung beim Fahren eines Automobils. Wissenschaftler vermuten übrigens, dass es sich bei der Musikalität des Menschen um ein Merkmal handelt das sich hauptsächlich durch sexuelle Selektion entwickelt hat. Aha! Es ist also auch noch Sex mit im Spiel!

Hier einige Beispiele aus Testberichten einer deutschen Automobilzeitschrift:

…Dazu tönt einer der wohl laufruhigsten Common-Rail-Diesel so unschuldig, wie ein Lausbub der nach einem gelungenen Streich La Paloma pfeift…

…Schon die Außenstehenden weiden sich am Auspufftrompeten, das an die mächtigen Melodien alter Rennsport-Sinfonien erinnert…

…Morgens startet der Biturbo mit einem männlich-rauen Bass, fast wie in den Achtzigern, als die Sechszylinder noch großvolumig tönen durften…

….verhalten grummelnd, in einer Stimmlage, in der schon Generationen von V8-Chören sangen…

…begleitet von einem V8-Rockkonzert der Weltstarklasse…

…Ein tief-breiter Klang-Flokati schwappt über den Asphalt und vermischt erdiges smallblock-Röhren mit dem herb-metallischen Sound moderner Motorentechnik…

…..in den norditalienischen Kraftprotzen zur Heavy-Metal-Band mit bösem Getöse…

…stimmt euphorisiert in das Verbrennungssingen ein…

…Gefühlsmäßig stoßen jetzt mindestens doppelt so viele Bläser ins Horn….

…unvermittelt setzt nun ein Orchester aus Blechbläsern zu einer sehr eindrücklichen Ouvertüre an…

…Mit infernalischem Trompeten katapultiert er den Boliden in nur 4,7 Sekunden auf Tempo 100…

…Mit seinem coolen Sound giert er förmlich nach hohen Drehzahlen…

….aus dem Crescendo des Vollgas-Konzerts…

…als seien sie die automobilen Trompeten von Jericho…

… wer dieses Auto wirklich verstehen will, der schließt am besten die Augen und lauscht. Es erklingt ein Orchester mit acht Zylindern und 32 Ventilen, das in jeder Tonlage aus den beiden Endrohren brabbelt, brüllt, bollert, grollt oder grummelt…

…das ist große italienische Oper – mit PS statt Pavarotti!


Warum klingen eigentlich manche Motoren interessanter als andere, lösen Gefühle und Emotionen aus, erzeugen eine Gänsehaut?

Musik ist definiert als eine organisierte Form von Schallereignissen. Aus der zeitlichen Folge der Töne und Geräusche verschieden langer Dauer entstehen Rhythmen als ein wesentliches Element von Musik. Nach dieser Definition macht also ein Verbrennungsmotor auch Musik.

Das dominanteste Schallereignis an einem Verbrennungsmotor ist zweifellos der Auspufftakt, gefolgt vom Ansaugtakt der sich sowohl in der Lautstärke als auch in der Klangfarbe deutlich unterscheidet – wie z.B. ein Holzblasinstrument von einem Blechbläser. Die Explosion des Benzin-Luftgemisches wird akustisch über Körperschallschwingung des Motorblocks wahrgenommen, ähnlich denen eines Xylophonstabes oder einer Glocke. Der Verdichtungshub ist fast nicht wahrnehmbar.

Wir können also von 4 Instrumenten mit unterscheidbarem Klangcharakter sprechen. Der Einsatz der Instrumente erfolgt in organisierter Form, d.h. nach einem Takt welcher in wiederkehrenden 4-er-Gruppen eines Grundschlages auftritt. Da sich die Instrumente auch in ihrer Dominanz unterscheiden, entsteht ein weiteres musikalisches Element, das Metrum – die Betonungsordnung.

Was jetzt noch fehlt ist der Rhythmus – ein Akzentmuster über Takt und Metrum. Genau hier aber unterscheiden sich die verschiedenen Motorbauarten.

Fangen wir mit dem meistgebauten, dem 4-Zylindermotor an. Hier „spielt“ jeder Zylinder immer gerade auf einem der 4 Instrumente. Und zwar immer im gemeinsamen Einsatz mit allen anderen. Dadurch vermischen sich die Charaktere der Instrumente zu einem klanglichen Einheitsbrei der zwar eine wiederkehrende Betonungsordnung hat, aber keinen Rhythmus. Langweilig!

Gänsehaut kommt hingegen auf, wenn nur zwei Zylinder in 90° V-Form stehen – wie bei einer Harley Davidson. Es entsteht ein prägnantes Akzentmuster durch die Verschiebung der Instrumenteneinsätze um nur einen halben Takt. Der zeitliche Abstand der Einsätze wechselt zwischen 1,75 bzw. 2,25 Grundschlägen des 4er Taktes. Das ist Rhythmus pur! Hinzu kommt die klangliche Differenzierbarkeit der Instrumente und der Bass des großen Hubraums – das Orchester wird plastisch und voluminös wahrgenommen.

Auch bei Motoren mit ungerader Zylinderzahl gibt es keine gemeinsamen Einsätze, dafür leichte Überschneidungen wodurch zusätzliche Klangfarben entstehen. Und die geradzahligen Motortakte erzeugen mit der ungeradzahligen Zylinderzahl einen überlagerten, eigenen Rhythmus.

Foto Volkswagen.

© Foto: VW. Der Porsche Typ 12 5-Zylinder von 1932

Sehr prägnantes Beispiel: Audi 5-Zylindermotoren. Deren Sound erzeugt schon richtig Gänsehaut!
Oder 3, bzw. 6-Zylindermotoren. Wobei der 6-Zylinder eigentlich aus zwei 3-Zylindern besteht, von denen jeweils 2 Kolben wieder parallel arbeiten, also zum gleichen Zeitpunkt aber im Wechsel der Instrumente einsetzen.

Koppelt man 4 Harley-Motoren mit Phasenverschiebung um je einen Takt, erhält man das berühmte amerikanische V-8-Grollen. Zum 90°-V-Versatz kommt jetzt hinzu, dass die Zylinder nicht in gleichmäßigem Wechsel zwischen linker und rechter Zylinderbank gezündet werden, sondern immer zwei derselben Bank in Folge. D.h. die Schallereignisse haben zusätzlich einen überlagerten Rhythmus in ihrem örtlichen Auftreten, besonders gut wahrnehmbar bei getrennten Auspuffrohren (das menschliche Gehör ortet da sehr sensibel). Wir sind damit bei einem vielstimmigen Orchester in breiter Bühnenaufstellung, das so richtig rockt. Und Sex hat – wer’s nicht glaubt hatte noch nie das Vergnügen, eine junge Frau im 68er Ford Mustang oder gar auf einer Harley zu chauffieren.


Veröffentlicht von „JoergyTheRose“ am 10. Juni 2013, direkt im Anschluss an das „US Classc Car Meet Event in der Nähe von Regensburg. Termine für 2014: Jeden ersten Freitag in BAD ABBACH bei Regensburg. Mehr unter: http://www.classic-car-meet.com/

Übrigens kann man eine V-8 Kurbelwelle auch so bauen, dass die Zylinder in gleichmäßigem Wechsel zwischen linker und rechter Zylinderbank zünden. Das bringt deutlich mehr Leistung, ist aber schwingungstechnisch schlechter und der charakteristische V-8-Sound ist futsch.

Als AUDI in den 1980er Jahren in die amerikanische Nascar-Rennserie einstieg, glaubten die Ingenieure sie könnten den Amis auf Anhieb zeigen wo man in Ingolstadt den Most holt – sie bauten die Kurbelwelle mit Mehrleistung ein. Die Rechnung ging aber nicht auf: der flache Sound verriet dem Kenner sofort den Trick – das Reglement verlangt nämlich Serienkonstruktion an grundsätzlichen Bauteilen – AUDI wurde disqualifiziert!

Wie aber wird nun die automobile Zukunft klingen?
V-8-Motoren gelten ja als die Dinosaurier aus der motortechnischen Kreidezeit, so gut wie ausgestorben – am eigenen Durst und ihren „Ausscheidungen“. Der Trend geht allgemein zum Down-Sizing. Das betrifft nicht nur den Gesamthubraum, sondern natürlich auch die Zylinderzahl.

Die gute Nachricht: der 3-Zylinder ist im Kommen, weil bester Kompromiss zwischen Effizienz, Kosten, Leistung und Schwingungskomfort (und eben auch Sound). Die schlechte Nachricht: wenn es dann irgendwann mal vollelektrisch geht kommen nur noch S-Bahn-Fans auf ihre Kosten.

© Foto BMW. Der BMW i8 3-Zylinder als Studie auf der IAA 2011

Foto BMW. Der BMW iu 3-Zylinder als Studie auf der IAA 2011

© Titelfoto: BMW. Der BMW i8 ist ein Plug-in-Hybrid mt E-Motor und 1,5-Liter Dreizylinder Turbobenziner – der E-Motor bringt 131 PS, der 3-Zylinder 231 PS. Der i8 ist in 4,5 Sekunden auf 100 und schafft 250 km/h.

Wolfram Hellmich ist Technischer Geschäftsführer und Mitgesellschafter der Provenion GmbH:  http://www.provenion.de . Motto: Wir lieben Technik. Wir leben Technik. Wir machen Technik lebendig.

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