Im 300 SEL 6.3L V8 sicher durch die Nacht

On 28. März 2014 by Wolfram Hellmich

Ich hatte gerade mal 4 Wochen meiner 6-monatigen Probezeit absolviert, als mein neuer Chef mir eröffnete er brauche meine Begleitung auf einer Geschäftsreise nach Norddeutschland. „Wir fahren“, sagte er. Gemeint war damit, dass wir in seinem betagten Mercedes Benz mit 6.3L V-8 Maschine eine halbe Nacht auf der Autobahn zubringen würden.

Die erste Etappe fuhr ich. „Das ist ein Mercedes 300“ sagte er, als er das Steuer übernahm – zog auf die Überholspur und machte nicht den Eindruck, dass er vor Ankunft nochmal die Spur wechseln würde.

Mondlose Nacht, wenig Verkehr, Gesprächsstoff erschöpft. Der V8 beherrscht mit seinem sonoren Sound die entspannte Atmosphäre. Ich versuche mir vorzustellen, in welcher Folge die 8 Kolben der Crossplane Kurbelwelle ihr Auf und Ab absolvieren, wie die 16 Ventile den Gaswechsel steuern, wann welcher Zylinder zündet. Und, wie die Ölpumpe mit ihrem Strom von 70 Litern Schmieröl pro Minute das ganze Inferno vor dem Kollaps bewahrt.

Pro Sekunde rund 600 Kolbenhübe, 150 Zündungen und 25 Umdrehungen der 215er Reifen. Was aber verursacht das extrem langsame und kaum wahrnehmbare wouw… wouw… wouw…? Interferenz? Klar, was sonst! Aber wovon? Ich versuche mit dem Sekundenzeiger meiner Uhr die Frequenz zu bestimmen. „Müde?“ murmelt er. Ganz und gar nicht denk ich bei mir, denn: warum nimmt die Frequenz in langgezogenen Linkskurven zu, geht aber in Rechtskurven gegen Null?

Das Differenzial! Es hat wohl eine kleine Macke. Zudem muss ein geringfügiger Unterschied im Abrollumfang der Hinterreifen bestehen, sonst wäre bei Geradeausfahrt Ruhe.

20 Minuten später schaue ich wieder auf die Uhr: die Frequenz bei Geradeausfahrt hat deutlich zugenommen, in Rechtskurven tritt keine Ruhe mehr ein – ich bin jetzt hellwach.

Chef! hinten rechts verlieren wir Luft!  „Das würde ich doch spüren“ meint er und unterstreicht dies mit einem beherzten Schlenker am Lenkrad, „mein Mercedes läuft doch wie auf Schienen!“

Endlich Tankstopp. Die Frequenz lag schon über vier Hertz. Den Luftdruck brauchten wir nicht zu prüfen – ein Blick auf den rechten Hinterreifen genügt: Radwechsel.

Ich fahre jetzt wieder. „Ganz verstanden habe ich es noch nicht“, raunzt er, „aber ihre Probezeit als Ingenieur haben sie soeben bestanden…“

1972 Mercedes-Benz 300 SEL 6.3 im Mercedes-Benz-Museum

Der Mercedes-Benz 300 SEL 6.3 erscheint 1968 als Topmodell der Oberklasse-Baureihe W 108/109, die zu den Vorgängern der heutigen S-Klasse zählt. Motor und Getriebe stammen aus dem Typ 600. Die leistungsstarke und komfortable Reiselimousine ist serienmäßig mit Automatikgetriebe, Servolenkung und zahlreichen weiteren Extras ausgestattet – Ende der 1960er-Jahre keine Selbstverständlichkeit.

Heute, 30 Jahre später, ist die akustische End-of-Line Prüfung zu einer festen Größe in der Qualitätssicherung geworden. Immer mehr Automobilhersteller nutzen diese Möglichkeit um hochwertige Qualität zu liefern. Schallsensoren senken sich automatisch auf den Motorblock und das Getriebe, verschiedene Drehzahlen werden angefahren, Software lässt Fourrieranlysen über das Frequenzspektrum laufen und vergleicht mit dem Sollmuster. Nahezu jeder mechanische Fehler aus Teilefertigung oder Montage kann so erkannt, benannt und ausgemustert werden.

Qualität kommt von Qual – vor der Produktion steht das Testen. Jedes neues Aggregat muss zigtausende Stunden Höchstlast absolvieren, bis alle Schwachpunkte ausgemerzt sind. Wenn die Ingenieure morgens an den Prüfstand kamen, fanden sie früher oft nur noch Schrott vor. Wo genau das Problem begann, wie der Schadensverlauf eskalierte, war meist ein schwer zu lösendes Rätsel.

© Foto: Mercedes.

© Foto: Mercedes.

Qualitätssicherung in Mannheim bei Mercedes. Da gehört die akustische Prüfung zum Standard.

Heute „belauscht“ ein early-stage-damage-protection System die Prüfläufe. Jeder noch so kleine Verschleiß oder beginnende Riss erzeugt sein charakteristisches Geräusch im Spektrum. Über festgelegte Toleranzschwellen stoppt es den Prüfstand bevor eine Eskalation alles in Schutt und Asche legt. Die Software identifiziert die Schadensstelle über Frequenz und Ordnungszahl – das Rätselraten hat ein Ende.

Sie wünschen sich jetzt dieses intelligente Lausch-System in Ihrem Auto? Nachvollziehbar – es würde allerdings den Kaufpreis des Fahrzeugs glatt verdoppeln. Und doch, ein elektronisches Ohr fährt schon heute mit: Der Klopfsensor. Er „erlauscht“ am Verbrennungsgeräusch, wie gut der Motor die gerade benutzte Benzinqualität verträgt und passt den Zündzeitpunkt innerhalb von Millisekunden an, sodass aus jeder Spritsorte der maximale Wirkungsgrad herausgeholt wird.

Wolfram Hellmich ist Technischer Geschäftsführer und Mitgesellschafter der Provenion GmbH:  http://www.provenion.de . Motto: Wir lieben Technik. Wir leben Technik. Wir machen Technik lebendig.

© Titelfoto: Stefan Filtgen. Stefan Filtgen ist – zusammen mit Christian Rechmann – -.n Geschäftsführender Dienstleister der Agentur „For Sale“. Sie ist, so steht es auf der Website, “ein kreativer, inzwischen recht erfahrener Dienstleister, im Bereich Werbung, Marketing und Kommunikation. Full Service, inklusive Mediaeinkauf und Druckvorstufe.”

Wir danken Herr Filtgen für die freundliche Überlassung – leider nur eines Fotos – einer Stilikone der 60er, 70er Jahre.

Hier geht es zur Agentur-Website www.for-sale.de

PS: Ob ein früherer Beruf, Berufung oder die Leidenschaft für Fotografie oder stilvolle Autos Stefan Filtgen dazu motiviert hat, all die schönen Automobile zu präsentieren, wir wissen es nicht. Noch nicht.

 

 

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