1979: Wolga Taxi nach Holice und Prager Frühling

On 16. März 2014 by Wolfram Hellmich

„Sie sind ab sofort von allen bisherigen Aufgaben befreit“, sagt Chefingenieur Schier. „Neil Hudson ist per Gerichtsbeschluss wieder unter Maico Vertrag. Morgen ist Training für den 250er WM Lauf in Holice. Die Maschine wird seit einer Stunde in der Rennabteilung aufgebaut. Heute Abend nehmen sie den alten Hanomag vom Betriebsleiter und fahren die Maschine hin. Der Neil ist unkompliziert. Schrauben sie ihm zusammen was er braucht. Hauptsache er gewinnt! Er muss Vize bleiben – und zwar auf Maico!“

Hammer! Neil Hudson ist wieder Maico Werksfahrer – per Gerichtsbeschluss von Yamaha zurückgeholt. Auf Platz 2 in der aktuellen Weltmeisterschafts-Wertung. Oberhammer: ich soll heute Nacht die Maschine hinfahren, beim Training betreuen und übermorgen mit für den Sieg sorgen?

15:00. Rennabteilung. Die Maschine sieht ziemlich unfertig aus. „wir warten noch auf die Öhlins-Federbeine. Die Gabel ist auch noch nicht fertig. Stell dich auf 6 Uhr ein!“ Und was ist das für ein Motor? „Zylinder und Auspuff noch Serie. Der Schier hat gesagt du sollst was vom Prüfstand bringen“ Hä? Ich? Fieberhaft sehe ich meine Leistungsdaten durch. Die besten Sets sind weg. Klar, wir sind mitten in der WM-Saison und mit Neil hat keiner mehr gerechnet. Ich nehme was für Drehzahl aus dem Regal, und falls es matscht noch einen Auspuff für Drehmoment von unten. Ich hatte schon besseres!

18:00. Abfahrt. Hubert stellt mir noch zentnerweise Kartons mit Maico-Shirts, Windjacken, Schirmmützen und Aufklebern rein. „Die wirst Du brauchen, das ist die reine Währung im Osten“, sagt er. Und mit mitleidigem Blick auf den Hano: „mit dem würde ich mich  in kein WM-Fahrerlager trauen“. Wir werden siegen antworte ich.

21:45. Grenzübergang Waidhaus. Zehn T-Shirts, ein paar Jacken, Hände voll Sticker und ich bin so gut wie durch.

23:45. Prag. Der Hradschin ist noch voll beleuchtet. Ich dresche den Hano durch die Stadt. Kurz vor Ortsende, ein Bahnübergang. Ich mit 90, der Hano hebt kurz ab, bei der Landung knalle ich mit dem Knie gegen den Schalthebel – ein trockener Knack, der Gang ist raus. Und es geht keiner mehr rein! Die Schaltgabel im Getriebe ist wohl gebrochen, da hilft all mein Werkzeug nichts.

In der Kneipe ist noch die Hölle los. Bar, Biertische, Stehgruppen. Ich steuere auf zwei Mädels an einem Stehtisch zu. Speak English? „Yes, a little”. I need a rental car, a van… can you help me? “Tonight all is closed”. Please try a call on the airport! Die schwarzhaarige in hauchdünnem Pullover blättert durchs Telefonbuch. Die große mit dem blond-wippenden Pferdeschwanz greift zum Hörer, schiebt Münzen in den Schlitz und dreht mit gespreizten Fingern die Wählscheibe – ihre Nägel sind lang, signalrot und glänzend. Sie spricht! Also ist da noch jemand. Dann drückt sie aber auf die Gabel und reicht den Hörer der schwarzen.

Die macht erst mal mit der linken Hand sorgfältig das rechte Ohr frei, indem sie von hinten um den zurückgeworfenen Kopf greift. Die Elastizität ihres Pullis reizt sie dabei voll aus – ein BH hätte jetzt keinen Platz mehr darunter. Aber wozu auch. Und sie bringt dabei einen gigantischen goldenen Ohrring zum Vorschein, den sie beim Sprechen hart klackend gegen den Hörer baumeln lässt. Kurz darauf hängt auch sie wieder auf.

„Sorry, we cannot hide our Russian accent. Today is the 21st of August, the day of Russian occupation in 1968. The Tschech people are forced to celebrate this day. But what they do is to celebrate their resistance. Better you look for a Taxi at the train station”.

Russian occupation `68! Scheiß timing! Gegen eine Okkupation durch diese beiden Mädels hätte ich allerdings keinen Widerstand aufgebracht. Leider muss ich weiter, lasse den Hano die Straße runter rollen bis es eben ist, laufe das letzte Stück zum Bahnhof. Zwei Wolga-Taxis, beklebt mit Stickern, die Fahrer schlafen. Ich wecke den mit Honda- und Yamaha- Stickern drauf.

© Foto: Ave Maria Mõistlik. Ein GAZ 24 Volga – produziert als Nachfolger des GAZ 21 Volga von 1968 – 1992

© Foto: Ave Maria Mõistlik. Ein GAZ 24 Wolga – produziert als Nachfolger des GAZ 21 Wolga von 1968 – 1992. Wie wir wissen: Auch als Abschleppwagen ist er geeignet.

Holice! Moto-Cross World Campionship! Can you bring me there? Meine Wahl war richtig. Er heißt Karel, spricht deutsch und bei Moto-Cross wird er hellwach. Kronen oder DM fragt er. DM, T-Shirts und Sticker! Ich öffne die Kartons und er nimmt sich zwei Shirts und eine Jacke, mit fragendem Blick noch eine Kappe. Ich schleppe alle Kartons in den Wolga Kofferraum und sage: los jetzt. „Nach Novosibirsk?“ fragt er. Nach Holice! Und zwar bis morgen früh um sieben! Karel wühlt eine Schnur aus dem Wolga Kofferraum. „Mein Abschleppseil“. Das Wolgaheck hängt jetzt sehr tief.  Sein „Abschleppseil“ reißt das erste Mal schon beim Anfahren. Aber wir kommen schließlich los. Nach dem fünften Mal abreißen und wieder anknoten ist die Strippe noch eins fünfzig lang. Ich hab genug, schneide beide Sicherheitsgurte aus dem Hano, knote sie zusammen. Wir haben jetzt eine lange, super reißfeste und ruckgedämpfte Abschleppe.

3:00. Nach 9 Stunden Fahrt. Schnitt 30kmh. Noch 120km vor uns. Alarmzeichen für Karel war: Hupen, Lichthupen. Ich hab Sekundenschlaf. Also ist Alarm! Erst jetzt fällt mir auf, wie schwach die Hano-Scheinwerfer noch leuchten – klar, die Batterie, ich hätte den Motor laufen lassen müssen. Wouw…wouw………..wou……… Der Motor springt nicht mehr an!

Wir rauchen eine. Ich erkläre Karel, wie viel Konzentration es fordert, nur auf seine Rücklichter fixiert im Dunkel hinter ihm her zu lenken. Er versteht. „Wir tauschen, sagt er“.

Der Wolga hat eine durchgehende Sitzbank, ein Lenkrad wie aus einem LKW und eine 3-Gang Lenkradschaltung. Die wenigen Knöpfe und Hebel scheinen direkt aus einem russischen Kraftwerk zu stammen. Der Sechszylinder aber läuft weich und geschmeidig. Die Kupplung rupft ein wenig beim Anfahren, was den gesamten Antriebsstrang kurz in Drehschwingungen versetzt. Dann aber geht es unaufgeregt, mit Drehmoment aus dem Keller zur Sache. Den Hano zieht er locker mit. Ich muss eigentlich nie runter schalten. Wir machen noch mehrere Pausen, Karel hat natürlich dasselbe Problem das ich hatte. Aber er weigert sich in den Wolga zurück zu steigen – sehr nobel! Oder hat er ein schlechtes Gewissen? Von dem Wert, den der Inhalt der Kartons für ihn darstellt habe ich jedenfalls noch keine Ahnung.

7:15. Einzug ins Fahrerlager. Ich bin froh nicht in dem schäbigen Hanomag sitzen zu müssen, als ich unseren seltsamen Schleppkonvoy  wie zum Spießrutenlaufen zwischen den Wohnmobilen der internationalen Stars durchzirkeln muss. Da ist Neil! Und seine bezaubernde Dawna! Sie frühstücken neben einem schlichten, weißen Mercedes Kastenwagen. Man sieht noch die Ränder der abgezogenen Yamaha Aufkleber. „You made it“ sagt er nur. „Now it’s your turn“, sag ich und lasse mich in Dawnas Liegestuhl fallen.

Ost-Staatskarosse, Agentenlimousine, Luxustaxi für Funktionäre und Appartschiks – oft mit Vorhängchen an den hinteren Seitenscheiben. Der Genosse Arbeiter sah ihn lieber nur von außen. Denn wenn er erst mal drin saß, ging es meist ab zum Stasiverhör. Der Wolga GAZ M-21 wurde seit 1956 vom Automobilwerk Gorki  hergestellt und war bis 1968 in Produktion.

Der Nachfolger GAZ 24 war ein besonders lange gebautes Modell. Er war größer, ähnelte noch mehr den US-amerikanischen Fahrzeugen jener Zeit und lief bis 1992 vom Band. Wegen der wirtschaftlichen Verhältnisse in den letzten Jahren der Sowjetunion scheiterten alle Versuche, mit dem GAZ 31 einen würdigen Nachfolger zu etablieren. Von 2000 bis  2002 wurde ein letzter Versuch mit dem GAZ 3111 Wolga gestartet, mit völlig neu gestalteter Karosserie – 415 Stück konnten abgesetzt werden – die Oligarchen fuhren lieber BMW.

 

© Foto: xx. Von 2000 bis 2002 wurde ein letzter Versuch mit dem GAZ 3111 Wolga gestartet, mit völlig neu gestalteter Karosserie - 415 Stück konnten abgesetzt werden - die Oligarchen fuhren lieber BMW.
© Foto: Unser Dank gilt Adrian, der dieses wunderbare Werksbild ebenfalls sehr schön fand. Der GAZ 3111 Wolga kommt zu spät auf den Markt – elegant, aber ungeliebt. Gerade 411 Fahrzeuge wurden verkauft – die Oligarchen fahren lieber BMW.

 2010 scheiterten Verhandlungen mit VW, die Wolga-Bänder für die Produktion von Volkswagen zu nutzen. GAZ baut heute Kleintransporter, Lastwagen und Baumaschinen.

Neil fuhr übrigens einen überzeugenden Gesamtsieg ein, der seinen Platz als Vize-Weltmeister festigte. Er wollte unbedingt meinen Auspuff mit Drehmoment, obwohl die Strecke knochentrocken und schnell war. Dafür fuhr er mit der längsten verfügbaren Übersetzung.

Karel schrieb mir im Herbst aus einem „Luxushotel“ am Schwarzen Meer. Er bleibt noch, bis in Prag wieder Frühling ist…

 

Wolfram Hellmich ist Technischer Geschäftsführer und Mitgesellschafter der Provenion GmbH:  http://www.provenion.de . Motto: Wir lieben Technik. Wir leben Technik. Wir machen Technik lebendig.

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