Die Zündapp Combinette – die erste Liebe schafft 40 km/h

On 4. Januar 2014 by Wolfram Hellmich

Zündapp kombinette Werbeplakat

Zündapp Kombinette Werbeplakat

Es war eine 9 Jahre alte 50er Zündapp Combinette. „Kleines Nummernschild“, also begrenzt auf 40kmh, aber mit Doppelsitzbank. Ideal für Fahrten mit Gabi zum Baggersee – und so. Der Verkäufer hatte sie mir vors Haus gefahren. Wir wurden uns bei 180DM einig, plus 4DM für den fast vollen Tank. Er schraubte noch das Kennzeichen ab, gab letzte Hinweise (der Scheinwerfer hat Wackelkontakt, bei Gelegenheit mal einen neuen Kerzenstecker), wünschte gute Fahrt und verschwand. Ich stand noch eine Weile in der Garage und strich über Tank und Sitzbank…

30 Minuten nach Mitternacht wache ich auf. Es ist nochmal schwül, Anfang September. Die Zündapp? Alleine in der Garage! Ich muss sie nochmal anfassen, mich vergewissern, dass sie wirklich da ist. Im Pyjama, mit Badeschlappen an den Füßen schleiche ich runter.

Da steht sie. Im  Dunkel der Garage kaum zu erkennen. Also raus unter die Straßenlaterne. Ob sie noch genauso gut anspringt wie am Nachmittag? Echt irrational! Aber ich muss es probieren: Benzinhahn auf, Choke, ein Tritt ins Pedal und das Reng-Teng-Teng des 50ccm 2-Taktmotors schneidet scharf durch die Stille der Nacht. Ein Blick ob irgendwo ein Licht angeht – nichts. Jetzt nur ein, zwei Kreise vor der Garage fahren, dann werde ich sie wieder reinstellen.

Die Straße ist schmal, also lieber ein Stück geradeaus, zwei drei Häuser weit – höchstens. Zweiter Gang, dritter Gang. Ich fühle mich plötzlich als einziger Mensch auf Erden, in dieser Septembernacht. Die Straße gehört mir. Bei 40kmh bringt der Fahrtwind angenehme Kühlung – warum nicht noch ein Stück weiter, bis zum Ortsschild, es sind ja kaum zwei Kilometer?

Rechts neben der Straße fließt der Neckar, nicht zu sehen, nur schemenhaft die vorbeifliegenden Uferbäume. Wo war noch das Ortsschild? Egal! Längst vorbei. Der beleuchtete Tacho zeigt 46km/h an, der kühlende Fahrtwind bläht meinen Pyjama, der Motor läuft wie ein Uhrwerk. I’m the King of the Road!

In der Ebene macht sie also 46. Links von meiner Strecke liegt die Filder-Höhe. Da gibt es doch Straßen die bergauf führen, steil, mit Spitzkehren. Irgendwo also links ab, runter in den Zweiten. Der Motor zieht echt gut, auch am Berg. Nichts kann mich mehr aufhalten. Die Straße ist schmal und kurvig, führt mitten durch den Wald. Auf der Höhe angekommen eine Ortschaft, ich gehe etwas vom Gas. Alles dunkel, bis auf die Straßenlaternen. Durch, weiter, der Weg ist das Ziel! Freiheit, endlich. Fahren wohin ich will, wann ich will. Mit 16 und einer Zündapp – da fängt also das wahre Leben an!

Kalter Wind kommt auf. Ich habe kein Gefühl wo ich bin, wie lange ich schon fahre. Blitz und Donner kommen fast gleichzeitig. Ein paar fette Tropfen, dann öffnen sich die Schleusen eines Septembergewitters. Der Pyjama klebt nach Sekunden eisig nass auf der Haut. Und dann der Wackelkontakt – Scheinwerfer und Blitze wechseln sich flackernd ab. Ich fahre im Ersten. Umkehren! Einfach zurück woher ich gekommen bin, die Strecke rückwärts finde ich doch auch im Unwetter. Nein! Unterstand suchen in der letzten Ortschaft bis das Gröbste vorbei ist. Die Ortschaft scheint weiter zurück zu liegen als gedacht – ich zittere schon vor Unterkühlung.

Eine Riesen Wasserlache, zu spät gesehen, es spritzt hoch bis zu den Knien und – der Motor ist aus. Ich rolle noch durch. Was fehlt der Zündapp? Der Tank war doch angeblich voll. Ich drehe den Benzinhahn auf Reserve und trete das Pedal durch – immer wieder – bis ich nicht mehr kann. Es riecht nach Benzin aus dem Auspuff, aber keine Zündung ist zu vernehmen. Zündung? Da war doch was mit dem Kerzenstecker.

Im Dunkeln taste ich, verbrenne mich am Zylinderkopf, bekomme den Kerzenstecker zu fassen. Es schüttet unvermindert weiter, Knie, Hände, Unterkiefer, alles schlottert jetzt vor Kälte. Ein Opel fährt vorbei – erst das dritte Auto seit ich unterwegs bin. Der Kerzenstecker ist klatschnass, wie alles – nichts zum Abtrocknen. Ich blase ein paarmal kräftig hinein, wische das Wasser mit den bloßen Händen von der Zündkerze und stecke ihn wieder auf. Ein Tritt – der Motor springt stotternd an.

Wo ist diese letzte Ortschaft? Wo ist mein Bett? Warum bin ich überhaupt aufgestanden? Die nächste Pfütze! Wieder Kerzenstecker. Diesmal sind mehrere Versuche notwendig, aber der Motor kommt schließlich wieder. Mehr als Schritttempo im ersten Gang traue ich mich nicht mehr zu fahren, der Scheinwerfer geht ständig aus. Mit der linken Hand schlage ich drauf, sobald er zu flackern anfängt. Ich bin fix und fertig. Keine Pfütze mehr übersehen, die Hand immer über dem Scheinwerfer – die Gedanken kreisen nur noch um Trockenheit! Wärme! Bett! Wieder eine übersehen…

Den Wecker muss ich überhört haben. Meine Mutter weckt mich unsanft, ungnädig. „Ihr habt in der Ersten eine Mathe Klassenarbeit! Mach dass du rauskommst und den 7Uhr30er noch erwischst!“ Ich quäle mich mit immer noch steifen Gliedern Richtung Dusche, barfuß – die Badeschlappen klemmen noch zwischen den Kühlrippen des Zündappmotors und umschlingen Zündkabel und Kerzenstecker als Spritzschutz. Immerhin, es hat gewirkt!

Am 1. Januar 1953 wurde erstmals das „Fahrrad mit Hilfsmotor“ gesetzlich definiert. Als Zweirad mit maximal 50 cm³ Hubraum. Es musste allerdings erst noch der Begriff Moped, zusammengefügt aus den Wörtern Motorrad und Pedale, kreiert werden, denn „Hilfsmotor“ war nicht wirklich verkaufsfördernd.

Ab dem Alter von 16 Jahren konnte man jetzt den Moped-Führerschein machen – und die große Freiheit begann! Dies führte zunächst zu einem Verkaufsboom für die Hersteller, und auch zu einem Wettstreit in der Motorleistung. Beides nahm in den 1950er Jahre derart rasant zu, dass der Gesetzgeber reagieren musste. Zum 1. August 1960 wurde die Klasse der Mopeds aufgeteilt in:

• Kleinkrafträder mit maximal 50 cm³ Hubraum ohne weitere Begrenzung
• und Mokicks mit maximal 50 cm³ Hubraum, begrenzt auf 40 km/h Höchstgeschwindigkeit

Während das Wirtschaftswunder dazu verhalf, dass der deutsche Normalverbraucher vom Motorrad aufs Auto umsteigen konnte, wurden die Mopeds für die 16-jährigen zum Einstieg in den motorisierten Individualverkehr – und für die deutschen Motorradhersteller zur vorläufigen Rettung.

Der Leistungswettstreit eskalierte weiter: Zündapp, Hercules, Kreidler und Maico bewegten sich Ende der 1970er Jahre schon jenseits von 9PS aus nur 50ccm Hubraum. Über 100kmh waren damit durchaus möglich. Jugendliche Raserei, Unfälle und vor allem Lärm durch die erforderlichen hohen Drehzahlen waren die unangenehme Folge.

1980 sah man sich daher wieder zu einer Gesetzänderung genötigt. Die Kleinkrafträder wurden als Leichtkrafträder klassifiziert: mit begrenzter Höchstgeschwindigkeit auf nur 80kmh, dafür aber mit drehzahlsenkendem Hubraum von 80ccm. Damit öffnete man jedoch ungewollt den deutschen Markt für fernöstliche Produkte, die auf einfachste Weise vom dort üblichen Hubraum 125ccm auf 80ccm reduziert werden konnten. Eine 50er hingegen einfach auf 80 „aufbohren“- das ging nicht!

Die Folgen: der Konkurs von Kreidler (1982), Zündapp (1984) und Maico (1987). Hercules überlebte, hatte aber in der neuen Klasse der Leichtkrafträder gegen die japanische Konkurrenz keine Chance.

Anfang der 1990er wandelte sich der Markt, da vor allem koreanische und taiwanische Billighersteller begannen die Welt mit modisch gestalteten Motorrollern zu überschwemmen. Der extrem niedrige Kaufpreis dieser Fahrzeuge sorgte für einen neuen Boom, in dem nach der Jahrtausendwende auch die Chinesen eifrig mit mischten.

Mein Sohn heute, sucht die große Freiheit per Smartphone im Internet. Meine Tochter in Berlin denkt über car-sharing nach – wie sich die Zeiten ändern!

Für meine Mathe Klassenarbeit bekam ich übrigens eine 5 – meine Versetzung war ab da gefährdet…

Wir danken dem Moped-Museum für das schöne Foto: http://www.moped-museum.de

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